Der Sankt Stephanstag als Nationalfeiertag der Ungarn

Es gibt zwei Nationalkulte in Ungarn: die Erinnerung an den Freiheitskampf von 1848/49 und den Kult um Sankt Stephan, den Begründer des mittelalterlichen ungarischen Staates. Der 20. August ist, da Stephan im Jahre 1083 an diesem Tag heiliggesprochen wurde, der Sankt Stephanstag, ein nationaler Feiertag in Ungarn. Dabei blieb der Tag jedoch lange Zeit ein religiös konnotierter Feiertag. Dies änderte sich erst im 19. Jahrhundert, als die katholische Kirche angesichts des Vordringens eines liberalen Zeitgeistes und der Aneignung der Erinnerung an 1848 durch die Kalvinisten bei der symbolischen Inanspruchnahme von Orten und Standorten im kollektiven Gedächtnis der ungarischen Nation ins Hintertreffen zu geraten drohte. Daher unternahm die katholische Kirche seit den 1860er Jahren mehrere Versuche, das Gedenken an Sankt Stephan zu intensivieren. Es dauerte jedoch Jahrzehnte, bis die Etablierung des Tages als ein Feiertag gelang, den die Öffentlichkeit massiv in Anspruch nahm. In den 1890er Jahren nahmen bereits etwa 30.000 Menschen an den Feiern in Budapest teil. Auch die Arbeiten an der Sankt Stephan Basilika, die schließlich 1905 eingeweiht, und an dem Sankt Stephan-Denkmal, enthüllt 1906, schritten nun rasch voran, nachdem es seit den 1860er Jahren mehrerer Anläufe bedurfte, bis deren Finanzierung gesichert war. Dieser symbolische Raumgewinn im Budapester Stadtbild ist teilweise mit der Unterstützung der Vorhaben durch die katholischen Teile der Hocharistokratie, teilweise mit der zeitlichen Nähe des Stephanstages zum Geburtstag des Monarchen Franz Joseph am 18. August zu erklären. Während jedoch einige Ungarn in der Verbindung beider Feiertage ihre staatliche Loyalität ausdrücken konnten und wollten, demonstrierten andere durch ihre Teilnahme oder Abwesenheit in Wien oder Budapest ihre politische Einstellung gerade heraus. Die Einführung des Stephanstages als Feiertag im Jahre 1891 hing jedoch auch mit dem Zugeständnis des 1. Mai als Tages der Arbeit an die Sozialdemokratie zusammen – ein Kontext, der vielen Katholiken überhaupt nicht gefiel. Generell missachtet wurde in dieser Zeit auch, dass die Worte des mittelalterlichen Königs über das friedliche Zusammenleben der Völker und den Reichtum, den solche multiethnischen Länder aufweisen, im scharfen Gegensatz zur damaligen Behandlung der ethnischen Minderheiten stand.

In der Zwischenkriegszeit wurde der Stephanstag zwar im Zeichen des christlich-nationalen Kurses des Horthy-Systems vielfach mit großem Pomp begangen. Er wurde jedoch zum Teil der revisionistischen Außenpolitik gemacht (die internationalen Besucher sollten von den Feiern positiv mitgenommen werden) und der religiöse Aspekt, der schon um die Jahrhundertwende in den Hintergrund trat, war kaum mehr sichtbar. En Umstand, den der katholische Klerus zwar aufmerksam beobachtete, wogegen er jedoch wenig ausrichten konnte. Insbesondere bei den Minderheitenungarn wurde der Tag zu einer Erinnerung an das große mittelalterliche Ungarn und es fanden kollektive Fahrten nach Ungarn zur Teilnahme an den Feierlichkeiten statt (um diese Fahrten zu ermöglichen, wurden von der ungarischen Regierung sogar die Einreisevisa verbilligt).

Nach der kommunistischen Machtübernahme wurde der Stephanstag zum „Tag des Brotes“ umfunktioniert. Weder der religiöse noch der nationale Aspekt des Tages konnte nunmehr gewürdigt werden, denn sie ließen sich mit der herrschenden Ideologie nicht in Einklang bringen. Der Untergang der sozialen Trägerschichten des Kultes (Aristokratie, Gentry, Bildungsbürgertum) bedingte ebenfalls das Ende des ursprünglichen Stephanstages. Zudem entstand in der zweiten Hälfte des  20. Jahrhunderts auch in Ungarn eiine moderne, westliche orientierte Konsum- und Popkultur, mit der sich die hergebrachten Abläufe und (Deutungs-) Muster des Tages immer schwerer sich vereinen ließen.

Seit dem Systemwechsel 1989/1990 gibt es starke Tendenzen zur Revitalisierung des Stephanskultes als überkonfessionellen Nationalfeiertags (Stephansjahr 2000, St. Stephan Radio usw). Die Deutung und Popularität dieser Versuche steht meines Wissens noch aus.

 

Quelle: Árpád von Klimó: Nation, Konfession, Geschichte. Zur nationalen Geschichtskultur Ungarns im europäischen Kontext (1860-1948) München 2003.

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