Szekfü-Probleme

 

„Aus einer weißen Nelke ist eine rote geworden“ – wurde Ende der 1940er Jahre in eher konservativen ungarischen Kreisen geflüstert. „Entweder lügt er jetzt oder er hat damals gelogen“ – soll Kardinal Mindszenty (1947) gesagt haben.

Beide Aussprüche gelten dem Verhalten und der Person von Gyula Szekfű (1883-1955). Szekfű, dessen Name im Ungarischen wie das ungarische Wort für „Nelke“ (nämlich „szegfű“) ausgesprochen werden kann, galt in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts als der ungarische Historiker, der die Fachwelt geprägt und zugleich in den Medien mit Publizistik präsent war. Er ist immerhin neben Bálint Hóman (1885-1951) und András Alföldi (1895-1981) der einzige ungarische Historiker, den das recht populäre „Historikerlexikon“ (Hgg.: Rüdiger vom Bruch und Rainer A. Müller, München 1991) mit einem eigenen Artikel würdigt. In beiden zitierten Urteilen kommt zum Ausdruck, dass man in seinem Verhalten und seinen Äußerungen gegensätzliche, widersprüchliche, ja einander ausschließende Richtungen entdeckte, die man sich nicht erklären konnte.

Wie kam es zu dieser Kontroversität? Wird hier eine kontinuierliche Entwicklungslinie beschrieben, die manche erst wahrgenommen haben, als ihr Ergebnis da war oder gab es tatsächlich diese Widersprüchlichkeit im Werk und Verhalten Szekfűs? Lassen sich Szekfűs Äußerungen in seinem Werk von jenen in seiner Publizistik trennen? Was war überhaupt im Biografischen vorgefallen, das sich im Werk widerspiegelte bzw. verbarg sich etwas bereits im Frühwerk, was sich später im Biografischen offenbarte?

Zieht man das „Historikerlexikon“ zu Rate, erfährt man nur Weniges bzw. dermaßen Komprimiertes, dass daraus kaum etwas ableitbar wird:

„[…] wurde als Prof. für zeitgenöss. Ungarische Gesch. an der Univ. Budapest zu einem tonangebenden Verteidiger der konservat. ung. Staatsführung in der Zwischenkriegszeit. […] Seit den dreißiger Jahren vertrat er gegenüber den nationalistischen Tendenzen in der ungar. Regierung in histor. Essays und publizist. Abh. konservat., demokrat. Anschauungen. Nach der dt. Besetzung Ungarns im Jahr 1944 zog er sich aus dem öffentl. Leben zurück u. ging 1945-1948 als ungar. Botschafter nach Moskau. Im kommunist. Ungarn kam er 1953 ins Parlament und wurde 1954 Mitgl. des Präsidialrates. […] Seine Haltung gegenüber dem kommunistisch geführten Ungarn nach dem 2. Weltkrieg wurde mehrheitlich opportunistisch eingeschätzt.“ (Ebda., S. 306).

Was im Lexikon als weitgehend problemlose und allmähliche Akzentverschiebung von der Verteidigung einer konservativen Staatsführung hin zu einem Botschafterposten in Moskau dargestellt wird, lässt solche Fragen wie die weiter oben gestellten gar nicht aufkommen. Dabei sind dies Aspekte, die in Ungarn seit Jahrzehnten heftig diskutiert werden, in der deutschsprachigen Osteuropaforschung jedoch, meines Wissens, weitgehend unbekannt sind (sieht man von einigen Veröffentlichungen ab, die jedoch eher Szekfűs Korrespondenz etwa mit Fritz Valjavec [1909-1960] nachgehen). Dabei changieren die ungarischen Einschätzungen zwischen der Verurteilung Szekfűs als „ethnischem Fundamentalisten“ (Ambrus Miskolczy) und einer Wertschätzung seines konservativ-demokratischen Denkens seit den 1930er Jahren, wobei seine Instrumentalisierung durch die kommunistischen Machthaber mit einer persönlichen Notlage erklärt wird (Éva Standeisky).

Ohne zu beanspruchen, die „Szekfű-Probleme“ (der Ausdruck zitiert eine langatmige Studie Miklós Lackós) lösen zu wollen oder gar zu können, soll in den nächsten Monaten hier diesen Problemen nachgegangen werden. Da es dazu mehrerer Beiträge und der Analyse mehrerer Szekfű-Werke bedarf, könnte der rote Faden auf den ersten Blick leicht verloren gehen. Ich hoffe jedoch, spätestens in einem abschließenden Beitrag die verworrenen Fäden wieder zusammenführen zu können. Die Relevanz eines Verstehens von Szekfű ergibt sich für den Autor zum Einen daraus, dass wir über die Biographie und das Werk einer Einzelperson tiefe Einblicke in die ungarische Geschichte im 20. Jahrhundert gewinnen können. Zum Anderen werden dadurch auch Zwänge und Notwendigkeiten sichtbar, die vielleicht über ein Einzelschicksal und ein einzelnes, kleines mitteleuropäisches Land sowie dessen zeitliche Koordinaten hinausweisen.

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Die konservative Geistesgeschichte und ihr widersprüchliches Verhältnis zur Zeitgeschichte (1920-1949)

Auszug aus einem Artikel Árpád von Klimós, aus dem Jahr 2011, mit dem einige demnächst folgende Artikel über Gyula Szekfü eingeleitet werden sollen:

Die konservative Geistesgeschichte und ihr widersprüchliches Verhältnis zur Zeitgeschichte (1920-1949)

Die führenden Historiker der Horthyzeit, Bálint Hóman (1885-1951) und Gyula Szekfű (1883-1955), Verfasser eines bis heute hoch angesehenen Handbuchs der ungarischen Geschichte in sechs Bänden, das als „der Hóman- Szekfű” bekannt ist, begründeten die Dominanz ihrer „geistesgeschichtlichen” Schule mit einer scharfen Kritik der national-liberalen „kleinungarischen” Historiografie.[23] Besonders aggressiv griffen sie deren französische Wurzeln an: „Die französische Geschichtsschreibung des 19. Jahrhunderts”, so Szekfű, „gründete derart primitiv auf dem Stammesstandpunkt, nach dem Frankreich die Nation, die einzig wahre Kulturnation Europas und der Menschheit sei, und deren transzendentaler Mission, den anderen Völkern die großen humanistischen Ideen, die ewigen Ideale der Freiheit und Bildung zu bringen und sie aus der mittelalterlichen Finsternis emporzuheben, wenn es sein muss, auch mit Gewalt, besser aber mit typisch französischer Eroberungskraft und Charme.”[24]

Was stand hinter dieser Polemik? Zum einen der mit Frankreich identifizierte Vertrag von Trianon, der Friedensvertrag, nach dem das Königreich Ungarn um zwei Drittel seines Territoriums verkleinert worden war, zum anderen aber auch eine tiefe persönliche Verletzung, die Szekfű 1913 erleiden musste, als er es gewagt hatte, einen der Säulenheiligen der 48er-Unabhängigkeitspartei, den Fürsten Rákóczi, zu kritisieren.[25] Dafür war er von einem großen Teil der national-liberalen politischen Klasse derart scharf angegriffen worden, dass er eine Stelle als Archivar in Wien annahm und erst 1924 wieder nach Budapest zurückkehrte. [26] Szekfű hatte diese beiden Probleme, ein zeithistorisches: der Weltkrieg und seine Folgen, und ein historiografisches: die Vormacht der kleinungarisch-protestantischen Revolutionsgeschichtsschreibung, schon 1918 in einem fulminanten Essay über die ungarische Misere zusammengefasst. Seine Studie „Drei Generationen” (Három nemzedék) gilt als eine der entscheidenden intellektuellen Begründungen der Horthyära und Schlüsseltext der ungarischen Konservativen Revolution.[27] In „Drei Generationen” beschreibt Szekfű den unaufhaltsamen Niedergang des ungarischen Staates im Zeichen des Liberalismus, der im Laufe von drei Generationen (Reformer vor 1848, Revolutionäre von 1848, Unabhängige um 1900) den Konflikt mit der Habsburgermonarchie verschärft und zugleich zu einem Auseinanderfallen der ungarischen Gesellschaft geführt habe, auf deren Trümmern sich 1919 der Bolschewismus hätte erheben können.

Die radikale Ablehnung der französischen und allgemeiner: westlichen Geschichtsschreibung verband sich bei den konservativen ungarischen Historikern mit einer Hinwendung zur deutschen Geistesgeschichte, besonders zu Dilthey und Meinecke. Szekfű hatte schon in seiner auf deutsch erschienenen „Staatsbiographie” mit dem Titel: „Der Staat Ungarn” (Deutsche Verlags-Anstalt 1918) dem Primat der Außenpolitik gehuldigt, sich auf die „Staatsnotwendigkeit”, die „geistige und sittliche Kraft des Staates” und seine „Lenker” konzentriert.[28] Er war seinen liberalen Vorgängern weit überlegen, da er seine politischen Interessen mit einem ungleich weiteren historischen Blick unter Einbeziehung von kultur-, wirtschafts- und sozialhistorischen Erkenntnissen sowie im Kontext der gesamteuropäischen Entwicklung brillant darstellen konnte.

Am Beispiel Szekfűs wird deutlich, warum es in der Horthyzeit zu einem gespaltenen Verhältnis der Historiker zur Zeitgeschichte kommen musste. Die dominierende Geistesgeschichte wollte den „Beweis” für die überlegene ungarische Staatsbildungskraft seit dem Mittelalter, für die kulturelle Überlegenheit gegenüber den Nachbarländern und daraus folgend: die Unrechtmäßigkeit des Friedensvertrags von Trianon erbringen.[29] Daher rückte wie in der deutschen Geschichtsschreibung das Mittelalter in den Mittelpunkt der Forschung, und die „einfühlende” Hermeneutik wurde zu einem Dogma geschichtswissenschaftlicher Arbeit erhoben. Andererseits mussten sich die Historiker aber zunehmend mit zeithistorischen Fragen beschäftigen, ohne dass sie „Zeitgeschichte” als Disziplin akzeptieren konnten.

Dieser Zwiespalt zeigt sich auch im letzten Band des „Hóman- Szekfű” von 1936. Im letzten Kapitel beschäftigte sich Szekfű unter der Überschrift „Der Zusammenbruch des Gleichgewichts” mit den Jahren zwischen 1906 und 1914. Die Geschichte der danach folgenden 22 Jahre bereitete ihm aber unüberwindliche Probleme: „Die Geschichte des Weltkriegs- und Trianon-Ungarns können wir heute noch nicht unternehmen. Selbst wenn noch so viele Angaben aus den Kriegsjahren bekannt sind und noch so viele amtliche Publikationen und Erinnerungen, tagebuchartige Aufzeichnungen, auch Zeitzeugnisse von dieser oder jener Seite produziert werden, so können wir weder den bloßen Ablauf der Ereignisse rekonstruieren, noch sind wir uns im Klaren über deren eigentliche Bewegungskräfte. Die nach Trianon erfolgten Ereignisse sind noch hier unter uns, die dicken Nebel des Heute und Gestern verhüllen sie noch, und wer weiß, wann wir sie in vollem Sonnenlicht werden sehen und ihre genauen Umrisse in Augenschein nehmen können!” [30]

Auch andere namhafte Historiker beschäftigten sich mit zeithistorischen Themen, ohne jedoch Zeitgeschichte als legitimen Gegenstand der Geschichtsschreibung anzuerkennen. Allen voran wäre Henrik Marczali (1856-1940) zu nennen, Szekfűs Lehrer, der 1919 vorzeitig seinen Lehrstuhl verlor, weil man ihm vorwarf, in Kontakt zur Räterepublik gestanden zu haben.[31] Marczali hatte schon seit den 1880er-Jahren über die Geschichte der „neuesten Zeit” Werke verfasst und sorgfältig vorbereitete Interviews mit Zeitzeugen, zumeist bekannten Politikern, dabei als Quellen verwendet.[32]

Keiner der Genannten hätte sich als „Zeithistoriker” bezeichnet. Sie sahen es als ihre politische Pflicht an, der Nation im „Existenzkampf” gegen den Friedensvertrag beizustehen. Auch fühlten sie sich als Angehörige der verbeamteten Mittelschicht durch die Moderne bedroht, so etwa Szekfű, der für die Krise vor 1914 das „vollständig atomisierte Wesen der Gesellschaft” verantwortlich machte.[33] Der Geschichtsphilosoph und Soziologe István Dékány (1886-1965) wies auf den Übergangscharakter der gegenwärtigen Zeit hin, „deren Charakter und neues Problem sich bereits herausbildet, die Weltpolitik, genauer: die Schaffung kontinentaler Organisationen”.[34]

Mit der doppelten Schwächung des Nationalstaats drohte den Historikern der Verlust ihres wichtigsten Orientierungsrahmens. Daher konnten sie trotz aller institutionellen Schritte in Richtung Zeitgeschichte die notwendige Erweiterung ihres Geschichtsbegriffs nicht mitgehen. Die von der Regierung großzügig geförderte Erweiterung des Tätigkeitsbereichs der Historiker, etwa die Sicherung des die ungarische Geschichte betreffenden Quellenmaterials des Wiener Hofarchivs, das seit 1921 groß angelegte Editionsprojekt „Quellen zur neuzeitlichen Geschichte Ungarns” (Fontes Historiae Hungaricae Aevi Recentioris), die Sammlung von Exilantenschriften im Nationalmuseum, fand vor dem Hintergrund des Kampfes mit den Nachfolgestaaten statt, der auch immer wieder auf den verschiedenen Internationalen Historikertagen ausgetragen wurde.[35]

Die mit deutscher Hilfe ab 1938 erzielten territorialen Revisionserfolge schienen der Zeitgeschichte als historischer Teildisziplin in Ungarn zum Durchbruch zu verhelfen. Aber nur scheinbar. Viel wichtiger blieb die Mittelalterforschung, die auch Bálint Hóman, Vorsitzender der Historischen Gesellschaft und Kultusminister von 1931-1945, betrieb.[36] Die konservativen Eliten Ungarns klammerten sich an eine ins 11. Jahrhundert zurückprojizierte „Sankt-Stephanstradition”.[37] Andere wissenschaftliche Methoden, neue Richtungen in der Geschichtswissenschaft wurden zwar toleriert, gerieten aber leicht in den Verdacht, „bolschewistisch” zu sein oder zumindest über den „materialistischen“ Liberalismus dorthin zu führen.[38] An dieser defensiven Stimmung scheiterte übrigens auch die Etablierung der „Volksgeschichte” in Ungarn.[39] Seit Kriegsbeginn beteiligten sich zahlreiche zumeist jüngere Historiker, aber auch Gyula Szekfű, an der Suche nach einem Ausweg aus der ungarischen „Sackgasse”. Im 1941 gegründeten und 1949 teilweise in das neugeschaffene Akademieinstitut übernommenen „Institut für Geschichtswissenschaft” des Pál-Teleki-Instituts wurde in systematischen Vergleichen und beziehungsgeschichtlichen Studien das Verhältnis zwischen Magyaren und den anderen Völkern des Donauraums und des Balkans nicht mehr allein als „Kampf der Kulturen” dargestellt. Dort spielte „Zeitgeschichte” allerdings keine besondere Rolle.

Die mittelalterliche Staatsgründerfigur, die St. Stephan-Statute, wurde im Jahr 2000 in Kecskemét aufgestellt. Foto: Csanády. Quelle: Wikimedia Commons.

 

1946 wurde Bálint Hóman wegen „Kriegsverbrechen” und „volksschädlichem Verhalten” zu einer lebenslänglichen Zuchthausstrafe verurteilt. Er starb 1951 aufgrund der schlechten Haftbedingungen im Gefängnis.[40] Szekfű ging als Botschafter nach Moskau und erhielt später einen hohen repräsentativen Posten. An die Universität kehrte er nicht mehr zurück.[41] Bis 1948 drängten die neuen Machthaber alle führenden Repräsentanten der Geistesgeschichte aus den Universitäten.

Quelle: http://docupedia.de/zg/Ungarn_-_Zeitgeschichte_als_moderne_Revolutionsgeschichte