Small stories of everyday life IV. – Adventures of a Hungarian Aristocrat in Greater Romania

MaghiaRomânia blog

Probably the best known Hungarian Aristocrat of Greater Romania is the controversial writer, Albert Wass, whose juridical rehabilitation is one of the foremost aims of Hungarian nationalists. His life, at least according to many of his autobiographies was adventurous enough to be the subject of a novel. Therefore I will turn my attention to a less known personality, without literary qualities and products (not taken into consideration being a distant relative of Kelemen Mikes, the exile writer of the 18th century) but more facts and details proved by archival material: Count Ármin Mikes.

Mikes was a typical Hungarian aristocrat from County Trei Scaune, business interests in the rising forestry industry in the region, with a nice  castle in the village of Zăbala and relatives all around Hungary. Not the least he was brother in-law with István Bethlen, prime minister of Hungary between 1921 and 1931. However, Bethlen was an…

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„In der Hölle wird man schmutzig…“ Zum Tode von Imre Kertész

„Um überleben zu können, mußte man durch die Hölle gehen – und in der Hölle wird man schmutzig. Die Unschuldigen sind die, die gestorben sind. Aber einer, der das durchlebt hat, kann einfach nicht ganz ohne diese allgemeine menschliche Beschmutzung sein. Das muß man für sich akzeptieren.“

 

Das Zitat stammt aus einem Interview, das Imre Kertész (1929-2016) 1996, also mehrere Jahre vor dem ihm 2002 zuerkannten Literaturnobelpreis gab, als er in Deutschland nur wenigen Eingeweihten bekannt war. Deshalb lohnt sich heute, da Kertész heute früh gestorben ist, das Lesen dieses Interviews. Der geneigte Leser findet es HIER.

Petöfi: Freiheit, Liebe

Der ehemalige Mitarbeiter der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, Georg Paul Hefty, interpretierte vor einigen Tagen im Rahmen der berühmten, noch von Marcel Reich-Ranicki gegründeten „Frankfurter Anthologie“ das Gedicht „Szabadság, szerelem“ von Sándor Petöfi. Man muss der Interpretation, die einen starken aktualpolitischen Bezug aufweist, nicht zustimmen. Schön ist es dennoch, dass ein ungarischer Lyrikklassiker in der FAZ bekannt gemacht wird.

Hier der Link zur Interpretation

Minderheitenretter und –vernichter

Der Zerfall Ungarns 1918 ließ über drei Millionen Ungarn zu ethnischen Minderheiten in den Nachbarländern Jugoslawien, Rumänien, Tschechoslowakei und Österreich werden. Die ungarischen Regierungen nahmen sich der Belange dieser Gruppen sehr bald an, denn sie erkannten, dass die Grundlage einer territorialen Revision, die ja das Hauptziel der ungarischen Außenpolitik in der Zwischenkriegszeit war, der Erhalt dieser Gruppen war. Das bedeutete, dass Budapest diese Gruppen kulturell, finanziell und auch „moralisch“ unterstützen musste, damit sie trotz der Benachteiligungen durch die Nachfolgestaaten an Ort und Stelle ausharrten und ihre Identität bewahrten. Mag man die Verbindungen Budapests zu diesen Minderheiten mitunter auch kritisch sehen (die Kritik richtet sich daraufhin, dass den Minderheiten der Weg eigenständigen Politisierens erschwert und gleichzeitig in die Innenpolitik fremder Länder eingegriffen wurde), so gilt dennoch festzuhalten, dass diese Vorgehensweise auf Grund der Diskriminierung der ungarischen Minderheiten durch die neuen Staaten als notwendig und damit legitim angesehen werden kann. Auch gilt es zu bedenken, dass die Unterstützung und Förderung von konationalen ethnischen Gruppen, die in anderen Staaten lebten, auch damals schon eine gängige Praxis vieler europäischer Länder war (man denke hierbei an die vielfältigen Beziehungen deutscher Reichs- und sonstiger –stellen zu den deutschen Minderheiten in Ostmitteleuropa).
Diese auswärtige Minderheitenpolitik führte in Ungarn zur Entstehung eines neuen Expertentums, des Minderheitenexperten. Die Minderheitenexperten waren in diversen Gesellschaften und Instituten, die überwiegend staatlich finanziert wurden, tätig. Ihre Aufgabe bestand darin, der ungarischen Politik beratend zur Seite zu stehen, Memoranden zu unterschiedlichen Themen bzw. Personen zu erstellen, den Kontakt zu Minderheitenpolitikern zu pflegen und waren bei den Zusammenkünften ungarischer Politiker mit Minderheitenvertretern häufig selbst mit anwesend. Diese Experten waren zumeist Juristen, entstammten der Region, für die sie zuständig waren und beherrschten natürlich auch die dortige, neue Staatssprache. Die Bedeutung dieser Experten bei der Gestaltung der ungarischen Minderheitenpolitik ist somit offensichtlich, sie geht nämlich über die Zuteilung von Finanzmitteln weit hinaus und reicht in die Sphäre politischer Entscheidungsfindung hinein. Obwohl es sich nicht um Politiker der ersten Reihe handelte, waren sie häufig die grauen Eminenzen und Einflüsterer, deren Stimme zwar leise, aber dennoch einflussreich war.
Über zwei dieser Experten sind in den letzten Jahren spannende und teilweise anspruchsvolle Monographien erschienen. Ödön Pásint (1900-1950) ist der vielleicht bekanntere von beiden, war er doch zuletzt Abteilungsleiter und langjähriger Ansprechpartner vor allem für die ungarische Minderheit in Siebenbürgen, Rumänien. Béla Nóvé überschrieb seine, 2012 erschienene Biographie Pásints mit „Beruf: Minderheitenretter“. Nóvé hatte es nicht einfach, als er sich vornahm, Pásints Biographie zu schreiben, denn es liegen kaum persönliche Angaben zu Pásint vor. Dennoch gelang es dem Autor, das bereits in den Zwanzigern entstandene Gerücht, das noch in den 1990ern in Publikationen kolportiert wurde, wonach Pásint der uneheliche Sohn des nachmaligen Ministerpräsidenten István Bethlen gewesen sei, weitgehend zu entkräften. Auch in die dunklen Umstände seines Freitodes bringt Nóvé etwas Licht, indem er nahelegt, dass sich Pásint damit wohl entweder dem Zwang einer Zusammenarbeit mit der ungarischen Geheimpolizei entziehen oder seine Auslieferung an Rumänien vereiteln wollte. In beiden Fällen überzeugt Nóvés vorsichtig abwägendes Vorgehen, dass er sich keinem Urteil vorschnell anschließt, sondern Deutungsmöglichkeiten aufzeigt und Wahrscheinlichkeiten als solche benennt. Seine Laufbahn begann Pásint als einer von Bethlen Privatsekretären, dessen Vertrauensperson er bis 1944 bleibt. In dieser Eigenschaft sorgte er vor allem 1944 für die Aufrechterhaltung der Kontakte zwischen dem Reichsverweser Horthy und dem untergetauchten Bethlen. Nach Bethlens Rücktritt arbeitete Pásint bis 1936 unter seinen Nachfolgern. 1936 kam er in die Minderheitenabteilung des Ministerpräsidialamtes, wo er in den darauffolgenden 12 Jahren (abgesehen von seiner Zwangspensionierung im Herbst 1944) in unterschiedlichen Funktionen verblieb. Hierbei trat er vor allem zwischen 1940-44 in Erscheinung als Ratgeber des Regierungsbeauftragten bei der Einführung der neuen ungarischen Verwaltung in Siebenbürgen, als Teilnehmer einer „Siebenbürgen-Konferenz“ im Dezember 1940, auf der es vor allem um die Linderung der sozialen Not im Szeklerland ging. Anlässlich des Zweiten Wiener Schiedsspruchs (30. 8. 1940) erstelle Pásint ein kurzes Memorandum „Über die künftige Behandlung der rumänischen Volksminderheit“ in Siebenbürgen. Darin plädiert er insgesamt für eine tolerante Minderheitenpolitik, die den Rumänen Siebenbürgens zwar keine staatlichen Ressourcen zukommen lassen wollte, deren eigene Bemühungen in schulischen oder religiösen Fragen aber auch nicht beeinträchtigen wollte. Immerhin schlug er vor, in Gebieten, die mehrheitlich von Rumänen bewohnt waren, in der Verwaltung Personen einzustellen, die deren Sprache beherrschten. Kurz vor dem Zusammenbruch der siebenbürgischen Front im Herbst 1944 unternahm er noch Anstalten, um den dortigen Institutionen für die kommenden unruhigen Zeiten Finanzmittel zukommen zu lassen. Minderheitenrettung in ihren diversen Gestalten bestimmte das Wirken Pásints auch in der Folgezeit: so soll er gegen die Vertreibung der Ungarndeutschen gewesen sein (interessanterweise im Gegensatz zu seinem Mitarbeiter László Fritz, vgl. weiter unten), nicht zuletzt weil er fürchtete, sie könnte den Nachbarstaaten als Präzedenzfall dienen, um selbst ungarische Minderheiten zu vertreiben. Pásint setzte sich auch für die ungarische Diasporagemeinde ein, etwa für die Tschangonen in der Moldau, für deren „Heimholung“ nach Ungarn seit Jahren eine kräftige Bewegung im Gang war. Weitere Aktionsfelder Pásints betrafen Pläne zu dem slowakisch-ungarischen Bevölkerungstausch, Mitarbeit in dem Ausschuss für die Vorbereitung der Friedenskonferenz, Aktivitäten zur Rettung ungarischen Vermögens in Rumänien und schließlich auch Pläne für eine Autonomie des Szeklerlandes in Siebenbürgen.
Alleine diese Aufzählung verdeutlicht die Bedeutung Pásints in der ungarischen auswärtigen Minderheitenpolitik. Als eine dermaßen exponierte Person, die eine bedeutende Stellung im alten Regime und ein riesiges Netzwerk innerhalb der alten Eliten Ungarns wie auch der ungarischen Minderheit Rumäniens besaß, verwundert es nicht, dass Pásint nach der kommunistischen Machtübernahme nicht länger in einer derart herausgehobenen Position haltbar war. Ob er 1948 aus Krankheitsgründen freiwillig um seine Pensionierung bat oder dies aus politischen Gründen geschah, lässt sich wohl kaum mehr klären. Dass sein Tod auf das Konto der neuen Macht geht, dürfte wohl außer Zweifeln stehen.
Einer von Pásints Mitarbeitern war László Fritz, über den man bislang wohl noch weniger wusste als über Pásint. Deshalb ist die unlängst von Gábor Gonda und Norbert Spannenberger vorgelegte Quellenedition, der die beiden eine umfangreiche einleitende Studie vorangestellt haben, zu begrüßen. 1889 in eine kleinadlige Familie deutscher Herkunft geboren, gehörte Fritz zu jener Schicht ungarischer Gentrys, deren vielversprechende Karriere im ungarischen Staatsdienst 1918 mit dem Zerfall Ungarns jäh unterbrochen wurde. Der promovierte Jurist arbeitete nach 1918 u.a. als Angestellter und als Publizist. Im Zuge seines Engagements für kulturelle Organisationsfragen und für die Ungarische Landespartei, die Interessenvertretung der ungarischen Minderheit, entdeckte er sein Interesse für Statistik. Die politischen Umwälzungen nach dem Ersten Weltkrieg und die neue Lage als ethnische Minderheit trafen Fritz wie die Ungarn Siebenbürgens völlig unvorbereitet. Es gab weder verlässliche Angaben über die Zahl noch belastbare Daten über die Zusammensetzung der Minderheit (konfessionelle, berufsspezifische, soziologisch verwertbare Informationen). Die Erhebung von solchen Daten leitete Fritz in den 1920er Jahren in die Wege. Dabei weisen Gonda und Spannenberger nach, dass diese Arbeit nicht nur eine rein fachliche Seite besaß, sondern als Abwehrinstrument gegen die nationalstaatlichen Homogenisierungsbestrebungen Rumäniens aufgefasst wurden. Überzeugend ist die Erklärung der Autoren für den Umzug Fritzens von Klausenburg nach Budapest: wirtschaftliche Unsicherheiten, persönliche Differenzen in der evangelisch-lutherischen Kirche Siebenbürgens, der er angehörte und der Beginn einer allgemeinen politischen Radikalisierung der Minderheit trugen dazu wesentlich bei.
In Budapest erhielt Fritz eine Stelle als Ministerialrat in der Abteilung für Nationalitäten und Minderheiten innerhalb des Ministerpräsidialamtes und wurde einer der zuständigen Experten für die Ungarndeutschen. Er bereitete Denkschriften über die Gruppe vor, die Grundlage höchster Regierungsstellen für deren Gespräche mit reichdeutschen Stellen waren. In dieser Eigenschaft verkehrte Fritz mit den wichtigsten politischen Vertretern der Ungarndeutschen, erhielt relevante diplomatische Berichte über Deutschtumsvereine im „Dritten Reich“ und Informationen über die deutschen Minderheiten in den Nachbarländern Ungarns (Quellen 1-9). Den beiden Herausgebern nach war er nun „Volkstumskämpfer an anderer Front“ (S. 42), da sich die von ihm verfassten Memoranden nicht nur gegen die NS-Umtriebe innerhalb der Ungarndeutschen richteten, sondern auch gegen die legitimen Beschwerden und Ansprüche dieser Minderheit (vielsagend hierzu die Quellen 10-17, wenngleich sie nicht alle von Fritz stammen). Die Ungarn wären seiner Auffassung nach in einer Defensive: in Ungarn selbst mussten sie gegen den übermäßigen Einfluss der Minderheiten (und bei den Ungarndeutschen gegen die NS-Gruppen innerhalb der Minderheit) vorgehen, während sie in den Nachbarländern die nationalistische Politik der Mehrheiten bekämpfen mussten. Allerdings entsprach diese Sichtweise, betonen Gonda und Spannenberger, der damaligen Lagedeutung der ungarischen Politik insgesamt. Auf jeden Fall wirkte diese Haltung nach dem Weltkrieg weiter, als Fritz in Denkschriften anfänglich durchaus pauschal für die Vertreibung der Ungarndeutschen plädierte. Er wollte diese Aktionen im Zusammenhang mit den Vertreibungen aus anderen Ländern durchführen, auch damit die ungarische Minderheit Rumäniens nicht der Gefahr einer ähnlichen Behandlung ausgesetzt wurde (Quellen 44-54). Was die Quellenauswahl somit exemplarisch verdeutlicht, ist der vielfache Kreis der Akteure, in dem sich die Minderheitenfrage Ostmitteleuropas in der Zwischenkriegszeit bewegte: die Minderheiten selbst agierten, die Experten und Regierungen ihrer Wohnländer betrachteten sie als Verfügungsmasse und der gleichnationale Staat (hier eben das „Dritte Reich“) behandelte sie als Objekte, wofür insbesondere der Umgang mit den Minderheiten im und nach dem Weltkrieg beispielhaft steht.
Im Gegensatz zu seinem Kollegen, Ödön Pásint, erlitt Fritz keinen gewaltsamen Tod. Zwar blieb er von der ersten Welle der politischen Säuberungen zwischen 1945-49 verschont, 1951 wurde er aber zwangsumgesiedelt. Er starb 1967 in Budapest. Interessant am Fall Fritz ist, dass obwohl er selbst als Minderheitenangehöriger die Schikanen einer anderssprachigen Mehrheit miterlebte und sich derer zu erwehren versuchte, er selbst einige Jahre später, nunmehr selbst in der Mehrheitsposition, für Belange und Anliegen, für das Verhalten und die Empfindungen der Ungarndeutschen offenbar kaum Empathie aufbrachte. Dies ist deshalb interessant und zugleich traurig, weil es gerade im Falle der ungarischen Minderheiten etliche Beispiele gibt, dass ein Wechsel des Status‘ (weg von der Minderheiten- hin zur Mehrheitsposition) mit einer ideologischen Radikalisierung einherging. Wie man dies deutet, als Fortsetzung des in der Minderheit begonnenen „Volkstumskampfes“ mit anderen Mitteln und Möglichkeiten oder als eine Wendung und neue Dimension politischer Tätigkeit, wie es mir einleuchtender scheint, ist letztlich nebensächlich. Jedenfalls handelt es sich darum, dass der Grat zwischen Minderheitenrettung und –vernichtung doch schmaler ist als man häufig denkt.

Literatur:
Béla Nóvé: Hivatása: kisebbségmentő. Pásint Ödön pályaképe. Kolozsvár 2012, 244 S.
Gábor Gonda / Norbert Spannenberger (Hg.): Minderheitenpolitik im „unsichtbaren Machtzentrum“. Der „Nachlass László Fritz“ und die Deutschen in Ungarn 1934-1945. Stuttgart 2014, 317 S. Weiterlesen

Jenö Dsida: Gründonnerstag

 

Kein Anschluss. Sechs Stunden Verspätung

wurden gemeldet und in der würgenden Dunkelheit saß ich

sechs Stunden im Wartesaal von

Kocsárd, am Gründonnerstag.

Gebrochen mein Körper und schwer meine Seele,

wie bei einem, der im Dunkeln geheimen Auftrag erfüllt

auf Geheiß von Sternen auf einem unseligen Boden,

flüchtend vor dem Schicksal, dem er dennoch trotzt

und mit feinen Nerven spürt er aus der Ferne

die Feinde, ihm auf der Spur.

Züge klirrten auf der anderen Fensterseite.

Der dichte Rauch streifte mein Gesicht wie

der Flügel einer riesigen Fledermaus. Stummer

Schrecken ergriff mich, riesige, tierische Angst.

Ich blickte mich um. Gern hätt‘ ich ein paar Worte

gewechselt mit guten, vertrauensvollen Menschen, doch

die Nacht war feucht und voll kalter Dunkelheit,

Peter schlief, Johann schlief, Jakob

schlief, Matthäus schlief und sie alle schliefen…

Fette Tropfen gingen von meiner Stirn los

und flossen mein zerknittertes Gesicht herunter.

 

 

Anmerkungen: Jenö Dsida (1907-1938) war ein ungarischer Dichter in Siebenbürgen. Seine Lyrik ist geprägt von seinem Katholizismus und seinen Erfahrungen als Angehöriger der ungarischen Minderheit Rumäniens. Der Ort Kocsárd bzw. Székelykocsárd war in der Zwischenkriegszeit ein wichtiger Umsteigeort, der zwei ungarische Kulturzentren, Klausenburg und Neumarkt miteinander verband. Oder eher trennte, denn eine Direktverbindung zwischen beiden Orten gab es nicht und man musste stets eine riesige Wartezeit in Kauf nehmen.

Misztrál – Fekete ország (Schwarzes Land)

Einer der berühmtesten Dichter Ungarns im 20. Jahrhundert war Mihály Babits (1883-1941). Er kann als typischer Repräsentant der „Urbanen“ gelten, jener politisch-ideologischen Strömung innerhalb des Kulturlebens, welche primär die Übernahme europäischer Werte auf ihre Fahnen schrieb. Es war kein Zufall, dass sich jene Denker und Künstler, die sich diesem Programm verschrieben haben, ihre Zeitschrift „Nyugat“, also „Der Westen“ nannten. Babits schrieb 1906 das Gedicht „Fekete ország“, also „Schwarzes Land“, das ob seiner Häufung des Wortes „fekete“ („schwarz“) für einen kleinen Literaturskandal sorgte. Leider ist es mir nicht gelungen, eine deutsche Übersetzung des Gedichtes aufzutreiben, vielleicht vermittelt aber die folgende Vertonung des Gedichts einen hörbaren Eindruck von ihm.

Szilárd Borbély: Testben élni

Im Körper zu leben

Im Laufe der Evolution menschlichen Verhaltens
wurde die Sprache zum Mittel der Isolation.
Denn parallel zur Welt der Gegenstände
kann sich das Bewußtsein die Dinge vorstellen

durch geistige Vergegenwärtigung. Wenn sie auf-
tauchen im Bewußtsein. Die Sprache ist die dritte Ebene
der Repräsentation. Mit ihrer Hilfe kann auch in einem
anderen Bewußtsein das Bild des Gegenstandes

vorgestellt werden. Auf dieser Stufe der Repräsentation
kann die Erfahrung der Metaphern durch das Gespräch
vermittelt werden. Und wenn sich die Liebenden des Nachts

treffen, berührt sich im Dunkeln ihr Geist.
Denn das Dasein verfügt über eine höhere
Dimension. Denn im Körper zu leben ist der Tod.

 

Aus dem Ungarischen von Heike Flemming

Quelle: http://www.lyrikline.org/de/gedichte/testben-elni-4830#.VPQf_cJ0zIU

 

 

Letzte Dinge: Die Ewigkeit

Dunst quillt in der Winterlandschaft auf,
der leichte Rauch im Kesselhaus.
Am Berghang blendet im Sonnenschein
ein orthodoxer Friedhof wie der Stein,

der glühte, wie das geschmolzene Erz
im Feuer und im Kessel gärt.
So begann der Nachmittag zu fallen,
wie mancher Engel vor der Bahnhofshalle

wartete, den Kopf über die Pfütze gesenkt,
auf ein leichtes Mädchen, ein Gratisgetränk.
Indes in den Bezirken am äußersten Ring
die Zeit jetzt und für immer verging,

denn dort hielt man das Jüngste Gericht,
und es kämpfte dabei Christ gegen Christ.
Die Heiden hingegen tranken Cola light
in einer Kneipe namens Ewigkeit.

 

Aus dem Ungarischen übersetzt von Heike Flemming.

Quelle: http://www.poetenladen.de/stelen/szilard-borbely.php

Tamás Cseh: Deine Stille bin ich (1990)

Jetzt erzähle ich, was ich dir bin und was nicht

Du wartest, ob ein schönes Lied über dich…

Dein‘ Lobgesang sing ich nicht,

Was könnt ich and‘res sein: nur Stille für dich.

 

Dies‘ Wort trifft’s: Stille bin ich, deine,

Falls du mich so magst, ich bleibe,

Kannst sitzen, erduldend, dass kein Lied dich lobt,

Kein Zeichen, noch Flamme, nur Stille, die zum Himmel ragt.

 

Und ich setze fort, was ich dir bin und was nicht,

Falls du ’ne Flamme erwartetest, das kann ich nicht sein,

Beuge dich über mich, sieh, Asche bin ich,

Deine Zukunft durch mich kannst prophezei’n.

 

Jetzt erzählt‘ ich dir, was ich bin und was nicht

Du wartetest, ob ein schönes Lied über dich…

Dein‘ Lobgesang sing ich nicht,

Was könnt ich and‘res sein nur Stille für dich.

Hier eine (ungarische) Textdeutung.

Über das badende Entlein

Es gibt ein ungarisches Kinderlied, das mich wegen seiner Melodie und des Textes immer wieder überrascht. Der deutsche Titel könnte „Ein kleines Entlein badet“ lauten.

Es ist ja nun nicht ungewöhnlich, dass in Kinderliedern Tiere vorkommen. Ungewöhnlich empfinde ich hingegen die langsame, träge, eigentlich traurige Melodie des Stücks. Noch seltsamer ist der Text, den man wie folgt übersetzen könnte:

„Kleines Entlein badet

In einem schwarzen See,

Es will zu seiner Mutter

Nach Polen.

 

Glitschig seine Sohle,

Groß seine Hacke,

Dreh dich um, dreh dich,

Zwei goldene Äpfel.

 

Habe den Boden beackert,

Perlen gesät,

Seine Zweige beschnitten,

und Blumen gepflückt.

 

Kleines Entlein badet

In einem schwarzen See,

Es will zu seiner Mutter

Nach Polen.“

Der Text weckt in mir eine Reihe von Fragen, jedes Mal, wenn ich das Lied auf einer CD meiner Kinder höre: Warum badet das Entlein in einem schwarzen See? Wieso ist dieser schwarz? Wieso ist seine Mutter in Polen, so dass es sich dahin auf die Reise begeben muss? Und wenn es sich schon so umfassend vorbereitet, wieso wird in der zweiten Strophe seine Unfähigkeit und sein körperliches Unvermögen betont (glitschige Sohle usw.)? Warum die Warnung, es solle sich umdrehen? Wofür stehen die zwei goldenen Äpfel, was symbolisieren sie? Sind sie Lockmittel, damit das Entlein doch nicht nach Polen geht? Aber wenn es sich dafür schon so viele Vorbereitungen trifft, warum nicht? Die dritte Strophe wechselt die Perspektive: es ist nunmehr ein Ich, das über sich spricht und was es alles getan hat, nämlich landwirtschaftliche Arbeiten: Boden beackert, Zweige beschnitten und sogar Perlen gesät. Was hat das aber mit dem Entlein zu tun? Und wie ist ein derart geheimnisvolles, kryptisches Lied mit einer solch traurigen Melodie ein Kinderlied geworden?

Nicht Genaues weiß ich nicht und vielleicht ist es auch verkehrt, mit einem Erwachsenenverstand an ein Kinderlied heranzugehen.

„Wer redet noch von Georg Lukács?“ Anmerkungen zu einem überflüssigen Heft*

Wir schreiben den Herbst 2014. In der Redaktion einer Zeitschrift, deren Schwerpunkte sich ansonsten gerne um Begriffe wie „Neo-Realismus“ oder „Konservative Ästhetik“ kreisen, wird eifrig am Fokus des neuen Heftes gearbeitet. Mitten in die Stille postideologischer Debatten soll ein Paukenschlag gesetzt, der Mut zum Querdenkertum bewiesen werden. Es steht zwar kein Jubiläum an, aber das ist umso besser, kommt man damit doch der Konkurrenz zuvor, indem man Georg Lukács befragt, ihn ins Zentrum rückt, ihn zum „Kommissar Lukács“ macht. Nicht Genosse, nicht Kritiker, Theoretiker, Philosoph, nein, „Kommissar“ muss es sein, in Anspielung auf Lukács‘ unrühmliche Rolle im Jahre 1919.

Die Idee der Redaktion ist zu loben und das Editorial fängt vielversprechend an: „Wer redet noch von Georg Lukács?“ Die intonierte Frage verweist auf eine Reihe anderer, naheliegender Fragen: Ist Lukács noch aktuell? Soll man über ihn noch reden? Was ist an und aus seinem Werk noch aktuell: interessiert „Geschichte und Klassenbewusstsein“ noch, in Zeiten ohne Klassen und ohne Bewusstsein, in Zeiten des Prekariats, des wild gewordenen Liberalkapitalismus? Wie sieht es heute mit der „Zerstörung der Vernunft“ durch irrationale, nationale und (prä/post)faschistische Ideologien und Ideologen aus: lohnt es sich, diesem Opus erneut zuzuwenden, in der Hoffnung, es möge uns in Zeiten von AfD und Pegida etwas sagen? Oder was ist mit Lukács‘ Ästhetik: eignet sie sich als Richtschnur? So ließen sich die Fragen noch weiter aufreihen, die anzeigen könnten, in wie vielen Bereichen das Gesamtwerk von Lukács auf seine heutige Anschlussfähigkeit hin abzuklopfen wäre.

Es gäbe nämlich viel zu sagen und viel zu erzählen über Lukács und sein Werk. Nicht zuletzt eine eigene Biographie wäre vonnöten, von jener Qualität wie sie in dem letzten Jahrzehnt den Großen aus Lukács‘ Heidelberger Zeit, Max Weber und Stefan George, um nur zwei zu nennen, zuteil geworden ist. Auf die Notwendigkeit einer solchen Biographie gelebten Denkens wird im Editorial zu Recht hingewiesen. Doch vermutlich besitzt niemand (ob in Deutschland oder Ungarn) das intellektuelle Rüstzeug und das Interesse, die Arbeit auf sich zu nehmen. (Eventuell jemand von der Internationalen Georg Lukács Gesellschaft?)

Dieser Mangel an kompetenten und das Gesamtwerk souverän überblickenden Deutern, der die Struktur- und Konzeptlosigkeit auch dieses Heftes wohl mit bedingt, führt dann zu solchen Ergebnissen wie dem vorliegenden. Rundheraus gesagt: das Heft ist eine Enttäuschung. Daran ändern auch positiv flankierende Einlassungen des Feuilletons nichts.**

„Feuilleton“ ist dabei das beste Stichwort um das Niveau des Heftes zu beschreiben. Dabei sei vorweg geschickt, dass der Rezensent „Feuilletons“ gerne liest, mögen sie in Frankfurt oder auch in Hamburg entstehen. Von einer „Zeitschrift für Ideengeschichte“ erwartet er aber Ideen, historische Fundierung und ein inhaltliches Zeitschriftenniveau, das ob der theoretischen Durchdringung des behandelten Stoffes über dem eines Feuilletons liegt. Die vorliegende Ausgabe der Zeitschrift erreicht aber allenfalls den Level eines Feuilletons. Sicher, von so manchen Texten, ist mehr nicht unbedingt zu erwarten. Der kurze Beitrag von Ágnes Heller (geb. 1929) ist ein hübsch zu lesender Text mit einigen interessanten Angaben über ihre Beziehung zu Lukács. Interessanter sind da jene Briefe, die sie zwischen November 1956 und April 1957 mit Lukács wechselte, der nach dem gescheiterten Aufstand von 1956 nach Rumänien verschleppt wurde. Der Briefwechsel betrifft das Schicksal von Manuskripten, Vorlesungsthemen von Heller und fachbezogene Pläne. Doch weltbewegend, ein Paukenschlag, sind sie nicht.

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(Lukács‘ Arbeitszimmer in Budapest)

Es finden sich zwei Gespräche im Heft, eines mit Fritz J. Raddatz und eines mit Iring Fetscher. Philosophische Tiefe, Einschätzungen bezüglich der Aktualität von Lukács Werken (und worin diese liege) finden sich leider in keinem der beiden. Stattdessen geht es darum, wer wann und warum mit Lukács in Kontakt trat, welchen Eindruck er auf Raddatz und Fetscher machte usw. Dabei geht Raddatz teilweise hart mit Lukács‘ Urteilen über die Literatur ins Gericht. Natürlich lesen sich die Gespräche interessant, aber kaum gelesen so verflogen: inhalt- und gehaltloses Insidergeschwätz.

Fundstücke aus dem Lukács-Archiv in Budapest – der Ausdruck, mit dem vielleicht der Voyeurismus von Lukács-Fans bedient werden sollte, verspricht mehr als er halten kann. Es handelt sich bei diesen „Fundstücken“ teilweise um kleine Fotografien aus den schon veröffentlichten Tagebuchseiten von 1910/11 oder Lukács‘ Manuskript der „Theorie des Romans“. Ein Brief Raddatz‘ an Lukács und dessen Antwort, eine Anfrage des jungen Marcel Reich-Ranicki von 1967, in der er dem Literaturkritiker huldigt, behauptend, er habe von niemandem sonst so viel gelernt wie von Lukács… Ein Brief von Karl Löwith an Lukács mit der Bitte um die Zusendung eines Aufsatzes.

Dann, am Ende des Schwerpunktes, das Versprechen geistigen Genusses: zwei Aufsätze! Im ersten untersucht Matthias Bormuth unter dem Titel „‚Nervosität, Ressentiment, Hass‘ Karl Jaspers begutachtet Georg Lukács“ die Beziehung beider Denker zueinander. Im Mittelpunkt steht die zunehmende Entfremdung und gegenseitige Ablehnung, wobei für diese eindeutig Lukács verantwortlich gemacht wird. Während Jaspers dem Ungar im Ersten Weltkrieg mit einem psychologischen Gutachten behilflich war (die beiden kannten sich in Heidelberg aus dem Weber-Kreis), diffamierte Lukács Jaspers und dessen Existentialismus als geistige Vorläufer des Nationalsozialismus. Nur die biografischen Verwicklungen hätten es verhindert, so Lukács, dass Jaspers Heidegger und dessen NS-Engagement gefolgt wäre. Jaspers stand dieser vehementen Kritik fast wort- und verständnislos gegenüber. Dabei, so Bormuth, gingen beider Philosophien auf ein, zur gleichen Zeit, nämlich um 1910, gehabtes „Ursprungserlebnis“ zurück, die Entdeckung Sören Kierkegaards (S. 50). Den Nachweis dessen, wie man aus Kierkegaard diese gegensätzlichen Philosophien ableiten könne, bleibt Bormuth dem Leser jedoch schuldig. Endlich mal eine neue und frische Idee, doch sie wird dann nicht vertieft, nörgelt der Rezensent, denn die ganzen, bislang zitierten Briefwechsel sind längst ediert und allseits ebenso bekannt wie die berühmte 46er Konferenz. Interessanter ist dagegen der Vergleich Lukács‘ mit Plessner. Joachim Fischer liest in seinem Aufsatz Lukács‘ „Geschichte und Klassenbewusstsein“ (1923) parallel zu Plessners „Grenzen der Gemeinschaft“ (1924). Fischer argumentiert dafür, Plessners Schrift als eine bürgerliche Antwort, als Gegenentwurf und Gegenprogramm, auf bzw. zu Lukács‘ Buch zu begreifen. Die Entfremdung und Verdinglichung aber, welche Lukács durch die Arbeiterschaft überwinden lassen will, kann laut Plessner nur durch eine Gesellschaft von selbstbewussten Individuen abgeschafft werden. Während Lukács einer Gemeinschaft das Wort redet, ergreift Plessner zugunsten einer liberalen und bürgerlichen Gesellschaft Partei. Mächtig war sodann die Nachwirkung beider Werke: Lukács‘ Einfluss ging über die Kritische Theorie, während Plessner bei der Formierung der deutschen Soziologie nach 1945 und etwa über Personen wie Dieter Claessens einflussreich war. Und auch wenn es seit 1989 so aussieht, als sei Lukács‘ Diagnose und Modell obsolet geworden, kommt dennoch seiner Beschreibung bürgerlicher Zwangsverhältnisse eine große Rolle zu, will man aktuelle Lebenssituationen gesellschaftskritisch deuten. Die Wirkungsgeschichte beider Werke und beider Denker sei somit offen, schließt Fischer seinen fundierten und anregenden Aufsatz.

Fischers Aufsatz vermag jedoch insgesamt nicht über die Enttäuschung zu trösten, die das Heft verursacht hat. Die Redaktion hat mit ihrem Appetizer Recht, wenn sie fragt: „Warum ist es so still geworden um ihn, der jahrzehntelang die Gemüter erhitzte?“ Doch wird weder diese Frage beantwortet, noch schlüssig dargelegt, warum sich an dieser Stille etwas ändern sollte. Allenfalls das Fazit Fischers hält hierzu einen Querverweis bereit, das ist aber eindeutig zu wenig bei einem so schillernden Werk und Philosophen wie Lukács es war. Da der Lukács-Schwerpunkt weder ein Hauptthema (z.B. Der junge Lukács, Lukács als Literaturkritiker, Lukács als Marxist, Lukács als Ästhet, Lukács als Zeitdiagnostiker, Lukács als Politiker, Lukács als Verfolger bürgerlicher Denker in den Spätvierzigern usw.) noch einen roten Faden besitzt, ist dieser Fokus auf Lukács wie die Einladung zu einer reich und vielfältig gedeckten Tafel: man darf aber nur vier-fünf Löffelchen von der Vielzahl der Vor- und Hauptspeisen sowie Desserts probieren. Hinterher kann man sagen, man sei dabei gewesen, muss aber zugeben, der Hunger sei dabei noch größer geworden. So beschließt auch der Rezensent diesen Beitrag mit dem Fazit, er habe das Heft gelesen, sei auf vieles neugierig geworden, über Lukács habe er aber kaum Substantielles bzw. Neues erfahren.

* Kommissar Lukács. Zeitschrift für Ideengeschichte Heft VIII/4 Winter 2014. 127 S.

** Alexander Cammann: „Teurer Genosse Lukács“. In: Die Zeit, 30. 12. 2014, S. 48.